Eigenschaften von ICN (Cyanjodid):
Elementare Zusammensetzung von ICN
Cyaniodid (ICN): Chemische VerbindungWissenschaftlicher Übersichtsartikel | Chemie-Referenzreihe
AbstraktCyaniodid (ICN) ist eine Pseudohalogenverbindung mit der chemischen Formel ICN, bestehend aus Iod- und Cyanidgruppen. Diese anorganische Verbindung kristallisiert als weiße orthorhombische Kristalle mit einer Dichte von 1,84 g/cm³ und schmilzt bei 146,7°C. Das Molekül weist eine lineare Geometrie mit einer Kohlenstoff-Iod-Bindungslänge von 1,99 Å und einer Kohlenstoff-Stickstoff-Bindungslänge von 1,16 Å auf. Cyaniodid zeigt eine hohe Toxizität und reagiert langsam mit Wasser unter Bildung von Cyanwasserstoff. Erstmals synthetisiert im Jahr 1824 von Georges-Simon Serullas, findet die Verbindung Anwendung in spezialisierter chemischer Synthese und diente historisch als Konservierungsmittel in der Taxidermie. Ihre Standardbildungsenthalpie reicht von 160,5 bis 169,1 kJ/mol. Die Verbindung gehört zur Punktgruppensymmetrie C∞v und weist ein Dipolmoment von etwa 3,72 D auf. EinführungCyaniodid stellt ein wichtiges Mitglied der Pseudohalogenfamilie dar und wird trotz Kohlenstoffgehalts als anorganische Verbindung klassifiziert. Diese Verbindung nimmt aufgrund der Kombination des elektrophilen Charakters von Iod mit den nucleophilen Eigenschaften der Cyanidgruppe eine einzigartige Stellung in der Halogenchemie ein. Die Verbindung wurde erstmals 1824 vom französischen Chemiker Georges-Simon Serullas durch die Reaktion von Iod mit Cyanwasserstoff isoliert. Als Pseudohalogen zeigt Cyaniodid ein chemisches Verhalten, das den elementaren Halogenen analog ist, und bildet ähnliche Verbindungen wie Interhalogene. Die lineare Struktur und die polare kovalente Bindung der Verbindung machen sie zu einem Gegenstand anhaltenden Interesses in der Strukturchemie und der Untersuchung von Reaktionsmechanismen. Ihre hohe Toxizität und Reaktivität erfordern einen sorgfältigen Umgang, aber diese Eigenschaften machen sie auch für spezialisierte synthetische Anwendungen wertvoll. Molekularstruktur und BindungMolekulare Geometrie und elektronische StrukturCyaniodid weist eine lineare Molekulargeometrie mit Bindungswinkeln von 180° an beiden Kohlenstoffatomen auf. Nach der VSEPR-Theorie zeigt das zentrale Kohlenstoffatom eine sp-Hybridisierung, resultierend aus der Kombination eines s-Orbitals und eines p-Orbitals. Das Iodatom besitzt die Elektronenkonfiguration [Kr]4d105s25p5, während Kohlenstoff [He]2s22p2 und Stickstoff [He]2s22p3 Konfigurationen aufweist. Experimentelle Messungen mittels Mikrowellenspektroskopie und Röntgenkristallographie bestätigen Bindungslängen von 1,99 Å für die I-C-Bindung und 1,16 Å für die C≡N-Dreifachbindung. Die Molekülorbitalbeschreibung zeigt eine σ-Bindung zwischen Iod und Kohlenstoff, gebildet durch Überlappung des 5p-Orbitals von Iod mit dem sp-Hybridorbital von Kohlenstoff, während die Cyanidgruppe eine σ-Bindung und zwei π-Bindungen zwischen Kohlenstoff und Stickstoff enthält. Die formale Ladungsverteilung platziert eine leichte positive Ladung auf Iod (+0,18) und negative Ladungen auf Kohlenstoff (-0,12) und Stickstoff (-0,06), wie durch rechnerische Methoden bestimmt. Chemische Bindung und intermolekulare KräfteDie I-C-Bindung in Cyaniodid zeigt einen überwiegend kovalenten Charakter mit einem partiellen ionischen Charakter, der auf 15-20% geschätzt wird. Die Bindungsdissoziationsenergie beträgt 238 kJ/mol, deutlich schwächer als die C≡N-Bindungsenergie von 891 kJ/mol. Eine vergleichende Analyse mit verwandten Verbindungen zeigt, dass die I-C-Bindungslänge zwischen denen von Iodmethan (2,14 Å) und Cyanbromid (1,79 Å) liegt. Zu den intermolekularen Kräften in festem Cyaniodid gehören Dipol-Dipol-Wechselwirkungen, Van-der-Waals-Kräfte und schwache Halogenbrückenwechselwirkungen. Das molekulare Dipolmoment beträgt 3,72 D, wobei das negative Ende zum Stickstoffatom hin orientiert ist. Die Polarität der Verbindung führt zu einer moderaten Löslichkeit in polaren organischen Lösungsmitteln wie Diethylether und Pyridin. Eine Analyse der Kristallpackung zeigt, dass Moleküle in parallelen Ketten mit I···N-Kontakten von 3,12 Å angeordnet sind, was auf schwache intermolekulare Wechselwirkungen hindeutet, die zum relativ niedrigen Schmelzpunkt der Verbindung beitragen. Physikalische EigenschaftenPhasenverhalten und thermodynamische EigenschaftenCyaniodid erscheint als weißer kristalliner Feststoff mit orthorhombischer Kristallstruktur, die zur Raumgruppe Pnma gehört. Die Verbindung schmilzt bei 146,7°C mit einer Schmelzwärme von 15,2 kJ/mol. Im Gegensatz zu vielen Pseudohalogenen sublimiert Cyaniodid bei Raumtemperatur merklich mit einem Dampfdruck von 0,1 kPa bei 25°C. Die Dichte von kristallinem ICN beträgt 1,84 g/cm³ bei 20°C. Die Verbindung zeigt eine begrenzte thermische Stabilität, beginnt bei 120°C zu zerfallen, wobei der vollständige Zerfall oberhalb von 200°C auftritt. Die Standardbildungsenthalpie reicht von 160,5 bis 169,1 kJ/mol, während die Standard-Gibbs-Bildungsenergie 172,4 kJ/mol beträgt. Die Entropie von gasförmigem Cyaniodid beträgt 256,3 J/mol·K bei 298,15 K. Die Wärmekapazität folgt der Gleichung Cp = 45,67 + 0,023T - 1,45×10-5T2 J/mol·K für den Temperaturbereich 250-350 K. Spektroskopische EigenschaftenDie Infrarotspektroskopie zeigt charakteristische Streckschwingungen bei 2168 cm-1 für die C≡N-Dreifachbindung und 485 cm-1 für die C-I-Streckung. Die Raman-Spektroskopie zeigt starke Banden bei 2180 cm-1 (C≡N-Streckung) und 220 cm-1 (I-C-Streckung). Die Ultraviolett-Sichtbar-Spektroskopie zeigt Absorptionsmaxima bei 245 nm (ε = 4500 M-1cm-1) und 330 nm (ε = 120 M-1cm-1), entsprechend n→σ* bzw. π→π* Übergängen. Die massenspektrometrische Analyse zeigt Fragmentierungsmuster mit einem Parent-Ion-Peak bei m/z 153 (ICN+) und Hauptfragmenten bei m/z 127 (I+), 102 (IN+) und 26 (CN+). Die Kernspinresonanzspektroskopie in Aceton-d6-Lösung zeigt keine beobachtbaren Signale für 13C- oder 1H-NMR aufgrund von Quadrupolrelaxationseffekten durch Iod, obwohl 14N-NMR ein Signal bei -120 ppm relativ zu Nitromethan zeigt. Chemische Eigenschaften und ReaktivitätReaktionsmechanismen und KinetikCyaniodid unterliegt nucleophilen Substitutionsreaktionen an beiden Zentren, Kohlenstoff und Iod. Die Verbindung reagiert mit Wasser durch Hydrolyse mit einer Geschwindigkeitskonstante von 2,3×10-4 s-1 bei 25°C unter Bildung von Cyanwasserstoff und unteriodiger Säure. Mit Alkoholen bildet ICN Alkoxycyanide und Iodwasserstoff mit Kinetik zweiter Ordnung und einer Aktivierungsenergie von 65 kJ/mol. Nucleophiler Angriff am Iod erfolgt mit weichen Nucleophilen wie Iodidionen unter Bildung von I2 und Cyanidionen mit einer Geschwindigkeitskonstanten k = 1,2×103 M-1s-1. Die Verbindung geht Additionsreaktionen mit Alkenen ein, die der Markovnikov-Orientierung folgen, wobei das Iod an das weniger substituierte Kohlenstoffatom addiert wird. Cyaniodid zerfällt thermisch durch Kinetik erster Ordnung mit Ea = 120 kJ/mol unter Bildung von Iod und Cyan. Der photochemische Zerfall erfolgt unter UV-Licht mit einer Quantenausbeute von 0,45 bei 254 nm unter Erzeugung von Iodatomen und Cyanidradikalen. Säure-Base- und Redox-EigenschaftenCyaniodid zeigt in wässrigen Lösungen weder signifikanten sauren noch basischen Charakter, wobei die Hydrolyse ihre wässrige Chemie dominiert. Die Verbindung fungiert als mildes Oxidationsmittel mit einem Standardreduktionspotential E° = +0,21 V für das ICN/ICN--Paar. Die Reduktion mit Sulfitionen produziert Iodid- und Cyanidionen mit stöchiometrischem Verbrauch. Die Oxidation mit starken Oxidationsmitteln wie Ozon oder Wasserstoffperoxid ergibt Iodoxid und Cyanationen. Die Verbindung zeigt Stabilität unter neutralen und sauren Bedingungen, zersetzt sich jedoch in basischem Medium schnell mit einer Halbwertszeit von 15 Minuten bei pH 10. Elektrochemische Studien zeigen irreversible Reduktionswellen bei -0,35 V und -1,2 V gegenüber der Standardwasserstoffelektrode, entsprechend sequentiellen Elektronentransfers. Das Redoxverhalten der Verbindung ähnelt dem von molekularem Iod, jedoch mit erhöhter Reaktivität gegenüber Nucleophilen aufgrund der elektronenziehenden Cyanidgruppe. Synthese und HerstellungsmethodenLaborsyntheseroutenDie gebräuchlichste Laborsynthese beinhaltet die Reaktion von Iod mit Natriumcyanid in wässriger Lösung bei 0-5°C. Die stöchiometrische Reaktion I2 + NaCN → NaI + ICN verläuft mit 85-90% Ausbeute unter kontrollierten Bedingungen. Das optimale Verfahren verwendet ein 1:1-Molverhältnis von Iod zu Natriumcyanid in eiskaltem Wasser unter kräftigem Rühren. Das Produkt fällt als weiße Kristalle aus und wird mit Diethylether oder Dichlormethan extrahiert. Die Reinigung umfasst Umkristallisation aus Petrolether oder Sublimation bei vermindertem Druck. Alternative Syntheserouten umfassen die Reaktion von Cyanchlorid mit Natriumiodid in Aceton, die Cyaniodid mit 75% Effizienz ergibt. Die direkte Kombination von Cyanwasserstoff und Iod erfordert katalytische Mengen an Sauerstoff und verläuft langsam bei Raumtemperatur. Alle Syntheseverfahren erfordern eine ausreichende Belüftung und Schutzkleidung aufgrund der hohen Toxizität und Flüchtigkeit der Verbindung. Analytische Methoden und CharakterisierungIdentifikation und QuantifizierungDie qualitative Identifikation von Cyaniodid verwendet den Silbernitrat-Test, der einen weißen Niederschlag von Silbercyanid und gelbes Silberiodid produziert. Die Infrarotspektroskopie bietet eine definitive Identifikation durch die charakteristische C≡N-Streckschwingungsabsorption bei 2168 cm-1. Die quantitative Analyse nutzt typischerweise die Ionenchromatographie nach alkalischer Hydrolyse, wobei sowohl die produzierten Cyanid- als auch Iodidionen gemessen werden. Die Gaschromatographie mit Elektroneneinfangdetektion bietet Nachweisgrenzen von 0,1 mg/L für ICN in organischen Lösungen. Spektrophotometrische Methoden basierend auf UV-Absorption bei 245 nm erreichen eine Quantifizierung mit einem linearen Bereich von 1-100 mg/L und einer Nachweisgrenze von 0,5 mg/L. Titrimetrische Methoden unter Verwendung von Natriumthiosulfat nach Reduktion mit Sulfit ermöglichen eine genaue Bestimmung mit einer relativen Standardabweichung von 2%. Der massenspektrometrische Nachweis unter Verwendung von Selected Ion Monitoring bei m/z 153 bietet hohe Spezifität und Nachweisgrenzen unter 0,01 mg/L. Reinheitsbewertung und QualitätskontrolleDie Reinheitsbewertung von Cyaniodid umfasst typischerweise die Bestimmung des hydrolysierbaren Cyanidgehalts, der für Reagenzgradmaterial über 98% liegen sollte. Häufige Verunreinigungen sind Iod, Cyan und Natriumiodid aus unvollständiger Reaktion oder Zersetzung. Die Bestimmung des Feuchtigkeitsgehalts durch Karl-Fischer-Titration sollte weniger als 0,5% Wasser zeigen. Die Schmelzpunktbestimmung bietet eine schnelle Reinheitsprüfung, wobei reines ICN scharf bei 146,7±0,5°C schmilzt. Die Elementaranalyse sollte einen Iodgehalt von 83,0±0,5% und einen Stickstoffgehalt von 9,2±0,3% ergeben. Die Lagerstabilität erfordert Schutz vor Licht, Feuchtigkeit und Hitze, mit empfohlener Lagerung bei 4°C in Bernstein-Glasbehältern unter Inertatmosphäre. Die Haltbarkeit unter geeigneten Bedingungen übersteigt ein Jahr mit weniger als 5% Zersetzung. Anwendungen und VerwendungenIndustrielle und kommerzielle AnwendungenCyaniodid dient primär als spezialisiertes Reagenz in der organischen Synthese zum Einführen von Cyanidgruppen. Die Verbindung findet Anwendung bei der Herstellung von Cyan und verschiedenen Cyanidderivaten durch kontrollierte Reaktionen. In der analytischen Chemie fungiert ICN als Quelle von Cyanidionen für spezifische Nachweismethoden. Die Verbindung hatte historische Verwendung in der Taxidermie als Konservierungsmittel aufgrund ihrer Toxizität gegenüber Insekten und Mikroorganismen, allerdings ist diese Anwendung aufgrund von Sicherheitsbedenken zurückgegangen. Eine begrenzte industrielle Nutzung erfolgt bei der Synthese von Pharmazeutika und Agrarchemikalien, wo eine selektive Cyanierung erforderlich ist. Die Reaktivität der Verbindung gegenüber Doppelbindungen macht sie nützlich für die Modifizierung von Polymeren und Harzen durch Additionsreaktionen. Die Produktionsmengen bleiben gering, typischerweise weniger als 100 kg jährlich weltweit, wobei spezialisierte Chemikalienlieferanten Forschungs- und Entwicklungsbedarf decken. Historische Entwicklung und EntdeckungCyaniodid wurde erstmals 1824 vom französischen Chemiker Georges-Simon Serullas hergestellt, der es durch die Einwirkung von Iod auf Cyanwasserstoff erhielt. Frühe Untersuchungen konzentrierten sich auf seine Zusammensetzung und grundlegende Eigenschaften, wobei die Bestimmung seiner empirischen Formel bis 1830 abgeschlossen war. Der Pseudohalogencharakter der Verbindung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch vergleichende Studien mit Interhalogenverbindungen erkannt. Die Strukturbestimmung mittels Röntgenkristallographie in den 1950er Jahren bestätigte ihre lineare Molekulargeometrie und Bindungslängen. Spektroskopische Studien in den 1960er und 1970er Jahren lieferten ein detailliertes Verständnis ihrer Schwingungs- und elektronischen Eigenschaften. Mechanistische Studien in den 1980er Jahren klärten ihre Reaktionswege und kinetischen Parameter auf. Aktuelle rechnerische Studien haben Einblicke in ihre elektronische Struktur und Bindungseigenschaften geliefert. Die Toxizität der Verbindung führte zu ihrer Einstufung als extrem gefährlicher Stoff unter US-Vorschriften in den 1980er Jahren, was ihre großtechnische Verwendung einschränkte. SchlussfolgerungCyaniodid stellt eine chemisch bedeutsame Pseudohalogenverbindung mit einzigartigen strukturellen und Reaktivitätseigenschaften dar. Ihre lineare Molekulargeometrie, polare kovalente Bindung und dualen Reaktivitätsmuster machen sie wertvoll für spezialisierte synthetische Anwendungen. Die hohe Toxizität und Reaktivität der Verbindung erfordern einen sorgfältigen Umgang, bieten aber auch nützliche Eigenschaften für spezifische chemische Transformationen. Die aktuelle Forschung erkundet weiterhin ihr Potenzial in der organischen Synthese und Materialwissenschaft. Zukünftige Untersuchungen könnten sich auf die Entwicklung sicherer Handhabungsmethoden, die Erforschung neuer Reaktionswege und Anwendungen in der Koordinationschemie konzentrieren. Die Verbindung dient als wichtiges Beispiel der Pseudohalogenchemie, das anorganische und organische Reaktivitätsmuster überbrückt. Ihre Studie trägt zum Verständnis der Halogenchemie, von Reaktionsmechanismen und Struktur-Eigenschafts-Beziehungen in polyatomaren Molekülen bei. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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